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Flucht, Vertreibung, Integration

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Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Flucht, Vertreibung, Integration, Kerber Verlag, Bielefeld 2005, ca. 210 Seiten

3. Dezember 2005 – 17. April 2006
Dienstag – Sonntag
9.00 - 19.00 Uhr
Eintritt frei

Zwischen 60 und 80 Millionen Menschen müssen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allein in Europa ihre Heimat verlassen. Durch den vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg erreichen Flucht und Vertreibung eine neue, erschreckende Dimension. Die Deutschen sind mit bis zu 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen am stärksten betroffen. Ihre Eingliederung stellt Nachkriegsdeutschland vor eine große Herausforderung, ihr Schicksal ist Thema bis in die Gegenwart.
Die Wechselausstellung beschreibt nicht nur das unmittelbare Geschehen von Flucht und Vertreibung, sondern auch den vielfältigen Eingliederungsprozess der Menschen in der Bundesrepublik und der DDR.
Durchgängig wird die Wahrnehmung und Rezeption von Flucht, Vertreibung und Integration u. a. in Literatur, Film und Wissenschaft sowie zahlreichen Medienstationen dokumentiert. Zeitzeugen schildern ihre Erinnerungen an Flucht und Vertreibung wie auch ihre Lebenswege bis in die Gegenwart.
Die Ausstellung setzt einen Schwerpunkt auf Flucht und Vertreibung deutscher Bevölkerung, der chronologische Rahmen ist jedoch weiter gespannt: Bereits der Begriff "Jahrhundert der Vertreibungen" macht deutlich, dass der Blick nicht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs verengt werden darf. Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen in Europa seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden exemplarisch beleuchtet.
Die Besucher erfahren, dass Millionen von Menschen im 20. Jahrhundert von Flucht und Vertreibung zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Ländern betroffen waren. Kriege und Konflikte schaffen immer wieder den Rahmen und die Voraussetzungen für Vertreibungen und Flucht. Gleichzeitig wird das individuelle Leid deutlich, das damit für jeden einzelnen Menschen verbunden ist.
Die Wechselausstellung verdeutlicht, dass Flucht und Vertreibung deutscher Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges die zahlenmäßig größte erzwungene Bevölkerungsverschiebung des 20. Jahrhunderts war. Zahlreiche Einzelbeispiele führen dies vor Augen: Ausgewählte Zeitzeugen schildern in Interviews ihre Erfahrungen nicht nur während Flucht und Vertreibung, sondern ihre Lebensläufe bis in die Gegenwart.
Einen weiteren biografischen roten Faden bilden die "Lebenswege": Der Besucher kann mit Hilfe einer Codekarte an drei Stationen in der Ausstellung Einzelheiten zum Schicksal eines Flüchtlings oder Vertriebenen abfragen. Für die Auswahl stehen den Besuchern "Lebenswege" von 150 Personen zur Verfügung, die das Haus der Geschichte befragt hat.
Exponate mit persönlichen Geschichten so das aus Mullbinden zusammengenähte Kommunionkleid eines kleinen Mädchens, das auf der Flucht in ein Lager in Dänemark geriet oder die Kamera eines Fotografen, der die Flucht der Dorfgemeinschaft und seiner Familie akribisch dokumentierte, ergänzen die biografischen Elemente.
Die Ausstellung gliedert sich in sieben chronologisch geordnete Bereiche, die den Bogen von frühen Zwangsumsiedlungen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen spannen. Zunächst werden Beispiele von Vertreibungen vor dem Zweiten Weltkrieg skizziert: Die in den Völkermord mündenden Vertreibungen armenischer Bevölkerung durch die Türkei, den im Frieden von Lausanne 1923 festgeschriebenen sogenannten "Bevölkerungsaustausch" von Griechen und Türken, bei dem über 1,5 Millionen Griechen aus ihren Heimatregionen in Kleinasien vertrieben wurden und zugleich 500.000 Muslime vor allem Türken die griechische Halbinsel verlassen mussten. Ebenso beleuchtet die Ausstellung schlaglichtartig die von den Nationalsozialisten organisierten Umsiedlungen der deutschen Bevölkerung unter dem propagandistischen Motto "Heim ins Reich" und die Deportation Russlanddeutscher in der Sowjetunion nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die UdSSR.
Nach dem Ersten Weltkrieg entzünden sich Nationalitätenkonflikte an den deutschen Minderheiten bzw. Bevölkerungsgruppen in Polen und der Tschechoslowakei, die sich immer weiter radikalisieren und Ansatzpunkte für die späteren Vertreibungen bilden. Die Ausstellung veranschaulicht Konflikte zwischen der deutschen Bevölkerung sowie Polen und Tschechoslowaken.
Ein Ausstellungsbereich beschäftigt sich mit dem nationalsozialistischen Regime in den besetzten Gebieten vor und während des Zweiten Weltkriegs: Hier zeigen vor allem Fotos und Dokumente den Terror in diesen Gebieten sowie die Umsiedlungspläne der Nationalsozialisten.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs sind Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen. Mit wenigen Habseligkeiten bepackt flüchten sie mit Handkarren oder in organisierten Transporten aus ihrer Heimat. Im Winter 1945 wagen viele den Weg über die Ostsee, das vereiste Haff und verschneite Wege. Ausgewählte Einzelobjekte, wie die Borduhr eines Bootes, Spielzeuge von geflüchteten Kindern oder Schilder von Flüchtlingstrecks erzählen einzelne Biografien aus diesem massenhaften Schicksal.
Eine besondere Ausstellungseinheit ist dem "Mythos Gustloff" gewidmet. Die Versenkung des Schiffes durch ein sowjetisches U-Boot steht exemplarisch für die Rezeption dieses Themas in den Medien.
Teile einer Baracke des ehemaligen Flüchtlingslagers Furth im Wald und Einrichtungsgegenstände symbolisieren die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen in der neuen "Heimat". Viele befinden sich in einer dramatischen Lage. Krankheiten, mangelhafte Versorgung und schlechte Unterbringung bestimmen oft den Alltag. Auch die Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung sind Thema der Ausstellung.
Politische Plakate machen deutlich, dass mit der Spaltung Deutschlands auch eine Veränderung für Flüchtlinge und Vertriebene einsetzt. In der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR wird diese Bevölkerungsgruppe euphemistisch "Umsiedler" genannt und dieser Wortgebrauch von der SED zwingend vorgeschrieben. Ab 1950 tauchen Flüchtlinge und Vertriebene auch unter dieser Bezeichnung nicht mehr auf selbst in den Statistiken wird dieser Begriff offiziell getilgt. Den weiteren Lebensweg dieser Personengruppe in der DDR können daher nur wenige ausgewählte Exponate und Dokumente beleuchten. Deutlich wird aber die Behandlung des Tabuthemas in Theater und Literatur.
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem schwierigen und vielschichtigen Integrationsprozess von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. Die Ausstellung zeigt Erfolge wie auch Schwierigkeiten beim wirtschaftlichen Eingliederungsprozess, beleuchtet die Probleme im konfessionellen Bereich, wenn erstmalig seit mehreren hundert Jahren plötzlich katholische oder protestantische Gläubige in Gebieten ankommen, die fast ausschließlich von der jeweils anderen Religionsgemeinschaft bewohnt werden. Prozessionskreuz und Kirchenglocke sind herausragende Einzelobjekte, die diese Entwicklung veranschaulichen.
Lastenausgleichsakten, ein Flüchtlingspass und andere Dokumente weisen ausführlich auf die staatlichen Hilfen für Flüchtlinge und Vertriebene und die große Zahl der Betroffenen hin. Für den Erfolg der Eingliederung sind viele Faktoren wichtig: staatliche Hilfe ebenso wie Eigeninitiative. Die wirtschaftliche, soziale, politische und gesellschaftliche Integration der Heimatvertriebenen verläuft für jeden Einzelnen je nach Herkunft, Alter und Bildungshintergrund unterschiedlich.
Auch die Selbstorganisation dieser Bevölkerungsgruppe in Vertriebenenverbänden und Formen der öffentlichen und musealen Erinnerung werden beleuchtet. Stellvertretend hierfür stehen Teile einer sogenannten "Heimatstube" aus Köln, die zahlreiche Erinnerungsobjekte von Breslauern präsentiert.
Konfrontation und Kooperation
Der Ausstellungsrundgang endet mit einem Ausblick auf die aktuelle Situation vor allem zwischen Deutschland und Polen sowie der Tschechischen Republik. Kooperationsprojekte in Wissenschaft und Kultur werden ebenso gezeigt wie die zum Teil heftigen öffentlichen Debatten in Polen und Deutschland über Entschädigungsleistungen oder das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen". Das Haus der Geschichte präsentiert dazu die Ergebnisse einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach über "Flucht und Vertreibung aus Sicht der deutschen, polnischen und tschechischen Bevölkerung", die das Museum im Vorfeld der Ausstellung in Auftrag gegeben hatte.
Eine Vielzahl von Exponaten und eine Medienstation machen deutlich, dass dieses Thema seit den 1990er Jahren wieder verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
Im Ausgang öffnet die Ausstellung den Blick auf das aktuelle Weltgeschehen: Flucht und Vertreibung sind bis heute eine große Herausforderung und globales Schicksal für Millionen Menschen.

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