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Irina Scherbakowa Unruhige Zeiten Lebensgeschichten aus Russland und Deutschland mit einem Vorwort von Wolfgang Büscher
330 Seiten mit 5 s/w Abbildungen Glossar und Chronik zur dt.-russ. Geschichte Softcover | 13 x 20 cm
Deutsche und Russen verbindet eine seltsame Faszination: Ihr historisches Verhältnis ist von Leid und Schrecken geprägt, kennt aber auch Zeiten großer Nähe und Vertrautheit. Wie lebten die Menschen, die in diesen Mahlstrom geschichtlicher Umwälzungen gerieten?
»Unruhige Zeiten« erzählt in sechzehn Lebensgeschichten vom Überleben in Ausnahmesituationen, von Kriegsgefangenschaft und Deportation, von Repression und Verfolgung – aber auch von Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit, von Zuversicht und stillem Heldenmut.
Jugendliche aus Russland und Deutschland haben diese Erinnerungen aufgezeichnet. Ihre Beiträge sind bewegende Reflexionen einer jungen Generation, die ihren Blick auf die komplexen und tragischen Zusammenhänge der vergangenen Epoche richtet, um Wege für ein harmonisches Zusammenleben in der Zukunft zu finden.
Leseprobe
Im Wartesaal des Todes Zwischen den Fronten
Die Sowjetarmee der südlichen Front versuchte einige Wochen lang hartnäckig, die deutschen Linien zu durchbrechen und den Angriff zu forcieren. Das ganze Dorf befand sich also wieder im Niemandsland, hier gab es weder deutsches noch sowjetisches Militär, nur die Bewohner, die von den einen wie von den anderen beschossen und bombardiert wurden. Nach Angaben aus dem Jahr 1947 fielen hier 20 718 Mann, aber diese Zahl bezieht sich nur auf die sowjetischen Gefallenen an der Mius-Front (und wir wissen ja schon, dass nicht alle berücksichtigt wurden). Rechnet man die Zahl der toten Deutschen, Rumänen und Kosaken, die an dieser Mius-Front auf der Seite der Deutschen kämpften, hinzu, müsste man diese Zahl, denken wir, verdoppeln. Und dann waren da noch die getöteten Zivilisten! Unser Boden ist also ziemlich mit Blut getränkt. Das ist der wahre Preis des Sieges, über den es im Lied heißt: »Wir brauchen nur einen Sieg, der Preis ist egal«!
Antonina Schelkownikowa lebte im Winter 1942 / 1943 bei ihrer Großmutter in Latonowka. Sie erzählt, wie sie die Frontlinien durchquerte, und wir können diesen Weg mit ihr in Gedanken noch einmal gehen. Das Mädchen war damals 12 Jahre alt. Im Februar hörten wir eines Tages früh den Lärm von vielen Explosionen in Matwejew Kurgan. Meine Großmutter sagte zu mir: »Geh nach Hause, die Mama wartet auf dich. Schau, dort gehen ein paar Frauen auch in die Stadt. Geh mit ihnen, aber nicht nach Kurgan, sondern durch Rjaschennoje, von dort hört man keinen Krach.« Die Großmutter gab mir ein Stück Brot, und ich ging los. Der Schnee schmolz. Ich ging lange. Ich rutsche mit meinen Stiefeln hin und her, oben lag Schnee und darunter war Wasser. Ich ging lange mit den anderen Frauen zusammen. Als sie abbogen, um in die Stadt zu gehen, blieb ich allein, das war schrecklich. Plötzlich öffnete sich der Blick. Unten die Ebene und der Fluss Mius, am Fuß des Hügels das Dorf Rjaschennoje. Weiter weg, in Matwejew Kurgan, hörte man tatsächlich Explosionen. Man konnte sehen, dass dort gekämpft wurde. Ich ging weiter, stieg zum Ufer hinunter, ging über die Brücke und durch die Siedlung. Rundherum keine Menschenseele. Ungemütlich war das, kein Geräusch, kein Krach, keine Leute. Ich ging durch die Siedlung zur Eisenbahnlinie. Da stand ein Haus, vor dem zwei Deutsche mit Maschinenpistolen saßen, in weißen Mänteln. Ich ging weiter. Sie schauten mich schweigend an, taten mir aber nichts. Bei der Eisenbahn blieb ich stehen. Wohin sollte ich gehen? Ich beschloss, dem Fluss und der Eisenbahn hinter der Hecke zu folgen. Ich ging weiter, schaute, ob nicht noch mehr Deutsche da waren. Ich hörte das Geräusch eines Panzers hinter der Hecke. Er blieb stehen und begann aus seiner Kanone in meine Richtung zu schießen. Vor mir sah ich, wie Äste umherflogen. Ich hatte aber gar keine Angst, ich dachte nur: wenn mich die Deutschen hier umbringen, dann weiß die Mutter nicht, was mit mir geschehen ist. Ich setzte mich hin und blieb fünf Minuten sitzen. Ich horchte, der Panzer fuhr wieder zurück. Ruhe. Ich ging weiter. Ich sehe den Weiler Kolesnikovo und gehe über die Eisenbahn dorthin. Unsere Soldaten! Ich freute mich! Unsere! Ich geh auf dem Weg. Ein Soldat springt herbei und fragt mich erschrocken: »Wo kommst du her? Bist du eine Spionin?« Ich schweige. Er erhält vom Kommandanten den Auftrag, mich nach Matwejew Kurgan zum Stab zu bringen. In Kurgan gibt’s viele Panzer, Soldaten, überall Autos, Lärm, Gespräche. Es wird schon Abend. Sie bringen mich zum Stab. Der Chef begann mich schrecklich anzuschreien: »Wer bist du, und woher kommst du?« Ich sagte, dass ich bei der Großmutter in Latonowka war und nach Hause ging. »Was hast du im Korb?« Ich zeigte das Stück Brot und ein warmes Tuch. Ich begann zu weinen und sagte: »Dort hinten ist meine Hütte. Dort ist die Mama.« Da wurde seine Stimme weicher, er brachte mir eine Karte und fragte: »Durch welche Weiler bist du gegangen? Hast du Fässer mit Benzin gesehen? Deutsche Soldaten?« »Ja, neben dem Weiler am Fuß des Berges. Den Namen weiß ich nicht. Deutsche sind dort wenig, Fässer viele.« Er zeichnete irgendetwas in der Karte ein und sagte zu mir: »Danke, geh nach Hause.« Als die Mutter mich sah, schrie sie vor Freude: »Wie bist du über die Front gegangen und am Leben geblieben?« Neben der Hütte stand ein Panzer. Die Mutter ging zum Panzerfahrer und sagte: »Fahr vom Haus weg, sonst bricht meine Hütte vom Lärm eurer Waffen zusammen. Ich habe Kinder.« Der Panzer fuhr weg.
Durch die Erzählung von Anna Schelkownikowa können wir uns die Situation an der Front vorstellen, die Angst des kleinen Mädchens, das ganz allein die Linien überquerte, das manchmal sogar berechtigte Misstrauen der Militärs gegenüber den Zivilisten. In den ersten Augusttagen erhielten die südliche und die südwestliche Front den Befehl zur Vorbereitung einer neuen Offensive. Die Wehrmacht wurde endgültig zurückgeschlagen. Matwejew Kurgan lag nicht länger an der Front.
Textauszug aus: Irina Scherbakowa (Hrsg.) Unruhige Zeiten Maxim Stolbowski und Wassili Chrutzki: Im Wartesaal des Todes, S. 166-168.
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